Heimat als politische Kategorie

Beim 38. Forum Politik und Wirtschaft diskutierten Dr. Peter Siebenmorgen sowie Reinhard Ueberhorst, Senator a.D., mit Studierenden über die Renaissance und das Potentials dieses heiklen politischen Begriffs.

Was ist das Heikle an dem Heimatbegriff als politische Kategorie? Warum ist es wichtig, den Heimatbegriff zu klären? Was können wir dadurch gewinnen? Und inwieweit korrespondieren diese Fragen mit dem vom Referenten Dr. Peter Siebenmorgen im Frühjahr 2017 veröffentlichten Buch "Deutsch sein" und den darin geäußerten Thesen zur Wechselbeziehung zwischen Heimat, Deutsch sein, Angst und Geborgenheit? Bereits vor Beginn des Vortrags werden zahlreiche Fragen aufgeworfen.

Der Heimatbegriff gewinnt in den aktuell geführten politischen Debatten immer mehr an Bedeutung. Die Brexit-Entscheidung, die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten mithilfe seiner Wahlkampagne 'America First' sowie innenpolitische Strömungen in Deutschland belegen dies. Laut Siebenmorgen verbinden die meisten den Heimatbegriff mit einem rückwärtsgewandten, rechts-rändischen Konzept. Tatsächlich habe sich aber ebenso die politische Linke seiner bemächtigt: Alexander van der Bellen gewann die verloren geglaubte Bundespräsidenten-Wahl in Österreich gegen den Kandidaten der extremen Rechten, indem er erfolgreich den Heimatbegriff eroberte und gegen die Rechte instrumentalisierte.

Heimat als Revitalisierung deutscher Volksmusik?

Dass der Heimatbegriff in aktuellen Debatten eine derart zentrale Rolle spielt, hat viel mit der Rückkehr von Angst in die Politik zu tun. Angst fungiert als zentrales Gegenkonzept von Heimat und ist in Zusammenhang mit den Abstiegsängsten der weißen Mittelschicht zu setzen. Bürgerinnen und Bürger haben die Sehnsucht nach Vertrauen in Zeiten des Umbruchs. Derzeit können aber Politikerinnen und Politiker kein Gefühl von Sicherheit vermitteln und scheitern daran, Vertrauen zu schaffen. Daher schiebt sich bei der Suche nach Geborgenheit der Heimatbegriff neben den Vertrauenswunsch. Für Siebenmorgen stellt Heimat einen anderen Aggregatzustand von Geborgenheit dar. Heimat ist also nicht die Revitalisierung deutscher Volksmusik, sondern muss als Ort verstanden werden, der noch kommt. In diesem Zusammenhang zitiert Siebenmorgen den Philosophen Ernst Bloch: "Heimat war der Ort, an dem noch keiner war."

Dr. Peter Siebenmorgen resümiert, dass sowohl der Heimat- als auch der Angstbegriff viele Gefahren beinhaltet. Aber wenn dem so sei, müsse man sich dann überhaupt noch um diesen Begriff bemühen? In der abschließenden Diskussion der gut besuchten Vortragsreihe sind sich die Studierenden einig, dass man sich unbedingt um den Begriff der Heimat bemühen müsse. Man dürfe in einer so entscheidenden Diskussion den Begriff nicht extremen politischen Strömungen überlassen.

Der heutige Heimatbegriff hat laut Siebenmorgen nicht so viel mit den vergangenen 60 Jahren zu tun, sondern eher mit den unheilvollen Zeiten der Zukunft. Die vergangenen Jahre waren geprägt von Stabilität und Sicherheit. Diese sehen einige nun in Gefahr. Die Antwort auf Angst ist die Suche nach Geborgenheit, die mit der Heimat verknüpft wird. Um dieser Angst entgegenzuwirken müssen wir Heimat neu herstellen, damit wir damit nichts Rückwärtsgewandtes verbinden und auch Zugezogenen und Fremden ermöglichen, den neuen Ort als Heimat zu empfinden.

Forum Politik & Wirtschaft

Das Forum Politik & Wirtschaft fand bereits zum 38. Mal statt. Unter der Leitung von Reinhard Ueberhorst, Senator a.D., werden gesellschaftspolitisch relevante Themen interdisziplinär diskutiert. Die nächste Veranstaltung findet am 8. November statt. Dann fragt der Politikwissenschaftler Dr. Wilhelm Knelangen "Was wird aus Europa?".


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